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Sozialcourage: Wie werden Menschen mit Handicap wahrgenommen? Anne Waldschmidt: Wir nehmen behinderte Menschen fast ausschließlich als defizitäre Wesen wahr. Aus diesem Blickwinkel heraus ist es dann nur
folgerichtig, wenn wir uns darauf konzentrieren, Behinderungen zu beseitigen oder zumindest auszugleichen.
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Was ist daran falsch? Falsch ist der einseitige Fokus, die Konzentration auf die Defizite. Jeder Mensch aber hat Fähigkeiten. Der rehabilitative
Blick verliert jedoch die Stärken behinderter Menschen allzu leicht aus den Augen. Behinderung wird allzu häufig nur als Problem,
nicht als Kompetenz wahrgenommen.
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Woran machen Sie das fest? Die meisten Kinder mit Behinderungen lernen hierzulande in Förderschulen statt in allgemeinen Schulen. Sie erhalten deutlich
schlechtere Bildungschancen. Ein anderes Beispiel: Viele gehörlose Kinder erhalten keinen Zugang zur Gebärdensprache, was
auch dazu führt, dass sie ihre Fähigkeiten nicht richtig entwickeln können. Erst 2002 wurde die Gebärdensprache anerkannt,
aber bis heute ist sie eine Minderheitensprache geblieben.
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Sie wollen mit dem Disability-Studies-Ansatz die Sichtweisen auf Behinderung in Deutschland verändern. Was versprechen Sie
sich davon? Mein Ziel ist es, dass wir uns weniger von Mitleid und Moral, dafür mehr von pragmatischen Ansätzen leiten lassen. Dass es
Behinderung gibt, ist zunächst einfach eine Tatsache, die wir annehmen sollten. Das Thema Behinderung wird in Deutschland
nach wie vor tabuisiert, obwohl die meisten Menschen irgendwann im Leben damit zu tun haben, im Bekanntenkreis, in der Familie,
als alter Mensch. Wir sollten daher behinderte Menschen nicht ausschließen, sondern uns von dem Inklusionsgedanken leiten
lassen: Es geht um Teilhabe, Gleichheit und Solidarität. Dafür mache ich mich stark.
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